Drachensplitter-Leseprobe

 

Band 4 der Reihe DIE ZAUBERSCHMIEDIN

Drachensplitter

Drachensplitter – der 4. Teil von DIE ZAUBERSCHMIEDIN

Prolog

Am Anfang aller Zeiten

 

Am Anfang aller Zeiten war DAS EINE vollkommen auf dem Punkt. Doch ES begehrte mehr und wollte sich verdichten. Nachdem ES sich zwei Aspekte abgerungen hatte, dachte ES finster und schwarz und so gebar ES einen finsteren, schwarzen und mächtigen Gedanken auf dunklen Schwingen. Sein Name war Schwarzschwinge. Aber allzu bald war sich der Drache seiner Macht bewusst und durchkreuzte die Pläne DES EINEN.

ES gestand sich SEINEN Fehler ein und dachte neu. IHM entsprangen zwölf frische, mächtige Gedanken. Götter, die IHM beim Schöpfen der neuen Dimension helfen sollten und dem bösartigen Drachen Einhalt gebieten konnten. Als die Götter Hilfe benötigten, schuf DAS EINE die Albozen. Einhundertvierundvierzig Lichtstreife. Für jeden der zwölf Götter zwölf Diener. Doch als einer der Diener im Feuer des Drachen verging, wusste DAS EINE, was ES zu tun hatte. ES brach Schwarzschwinges Macht und verteilte sie auf die Albozen. Den Drachen aber wies ES dem Feuergott als zwölften Diener zu.

Schwarzschwinge

Im Zeitalter der Götter

Sekundäre Dimension, Apeiron, Eisenland, im hohen Norden des Ewigen Eises

Wo war dieser Drache, wenn man die alte Echse mal brauchte? Bael war außer sich. Früher war er sein Diener gewesen, aber inzwischen sah er sich wohl mehr als der Waffenbruder des Feuergottes. Das machte die Sache nicht einfacher, doch Bael benötigte einen machtvollen Verbündeten mit einem freien Geist. Und Schwarzschwinge zeichnete sich durch diese Eigenschaften aus. Also war Bael in den hohen Norden des Ewigen Eises gereist. Dort hatte er dem Drachen eine imposante Vulkanbergkette zu einem Prachtpalast umbauen lassen. Dabei hatten ihn seine Festungen Dolmork und Baelband inspiriert, die ebenso auf Vulkanen standen. Schwarzschwinge und er teilten die Vorliebe fürs feurige Element. Bael kannte sich gut in den Schächten und Hallen aus. Für diesen Moment hatte er die Form eines Feuerkämpfers gewählt, seine Rüstung bestand aus glimmender Glut, das gab sein Befinden am besten wieder.

»Schwarzschwinge, wo steckst du?«, fauchten seine Flammen.

Eine dürre Gestalt auf zwei Beinen kam mit wiegenden Hüften auf ihn zu. Das musste die Marroval sein, die Bael dem Drachen überlassen hatte. Nachdem er die erste Lichtelbin zu einem Vampirweib verändert hatte, war ihm dieses Experiment noch häufiger geglückt.

Sie blieb in respektvoller Weite stehen, was aber auch an der mörderischen Hitze liegen konnte, die er ausstrahlte, und verbeugte sich so tief, dass ihre Stirn den Boden berührte, während sie mit angenehmer Stimme sprach: »Mein Gebieter, der Große Schwarz von Schwinge empfängt Eure Göttlichkeit in seinen Prunkgemächern!«

Es gefiel Bael, dass sie vor Furcht schwitzte. Sie schien durch den Dienst am Drachen nicht abgehärtet worden zu sein. Er ahnte, dass sie sich noch gut an das Licht der Lukia erinnerte. »Sehnst du dich nach deinem Dasein als Lichtelbin, meine Schöne?«

Sie verharrte in der Haltung. Nach leichtem Zögern sprach sie Richtung Boden: »Nein, Eure Göttlichkeit hat mich veredelt!«

Sie lügt gut, um mir zu gefallen. Auch er fand sie anziehend. Rasch kleidete er sich in das Fleisch eines wohlgefälligen Elben, um sie nicht zu verbrennen, und ging auf sie zu.

»Richte dich auf, damit ich dich besser betrachten kann!«, befahl er.

Groß gewachsen besaß sie noch die Anmut der Lichtelben, ebenso das kristalline Haar war ihr geblieben. Doch die Qual und das Fledermausblut hatten Spuren hinterlassen. Kleine, unnütze Flügelchen entsprangen an ihren Handgelenken und reichten bis zur Schulter, ihre Augen waren schwarz und rund wie bei den blutsaugenden Tieren. Er sah, wie sie seine elbische Witterung aufnahm und sich begierig die Lippen leckte. Obwohl sie wusste, wer er war, verwirrten sie sein Blut und seine Seele, die er vorgab zu besitzen, sobald er diese Gestalt annahm.

»Wie war dein Name?«, fragte er und fasste ihr grob unters Kinn.

Sie seufzte und verdrehte genießerisch die Augen. »Siebzehn!«

Ach ja, er hatte dafür gesorgt, dass die Vampirfrauen ihre Namen, die sie als Lichtelbinnen von seiner Schwester, der Göttin Lukia bekommen hatten, vergaßen, und ihnen stattdessen gesagt, die wievielte Marroval sie nun waren. Das war also Nummer Siebzehn. Sehr gelungen! Später würde er sich mit ihr befassen. »Bevor dich mein Blut und meine Seele um den Verstand bringen, führe mich zu Schwarzschwinge!« Wesentlich besser gelaunt folgte er der Vampirfrau.

 

Als er die riesige Prunkhalle betrat, die auch dem Drachen genug Platz bot, glomm der Zorn erneut auf. Die faule Echse, die bestimmt dreißig Mal so lang war wie ein Elb hoch, rekelte sich auf einem mit Samt bespannten Matratzenlager, statt ihm entgegenzueilen. Schwarzschwinge besaß ein reptilienartiges Aussehen: einen langgestreckten Körper mit keulenstarkem Schwanz, der mit scharfen Zacken verziert war. Seine klauenbewehrten Beine erinnerten an Säulen, die sich aber wie bei einem Krokodil beugten. Seine Schwingen hatten Ähnlichkeit mit den Flügeln einer Fledermaus. Sein Leib war mit einem undurchdringlichen schwarzen Hornpanzer bedeckt.

Leutselig rief Schwarzschwinge: »Bael, mein guter Freund!«

Bael schnaubte und sah sich um. Am liebsten hätte er den Drachen in die Lava gezwungen, bis er verglühte. Doch hatte er den Eindruck, dass Schwarzschwinge inzwischen fast zu alter Macht gefunden hatte. Wie das möglich sein konnte, war ihm ein Rätsel. Der Feuergott gierte nach einem Mittel, seine Macht auszubauen und so mächtig zu sein wie DAS EINE selbst. Um seinen Zorn zu kühlen, betrachtete er die Wände, die nach dem Vorbild seiner Vulkanfestung Dolmork gläsern waren und offenbarten, wie die Lava durch die Schächte rauschte. Das war Baels Erfindung, es war dekorativ und erzeugte ein angenehm heißes Klima.

»Nehmt Platz, mein alter Meister!«

Die Marroval geleitete Bael zu einem gemütlich aussehenden Sessel, in den er sich fallen ließ.

»Siebzehn, bring ihm was zu trinken!«

»Lass das. Ich will nichts trinken!«

»Essen?«

»Es reicht!«, donnerte Bael, so weit die Stimmbänder der Elbengestalt es zuließen. Lohen der Wut züngelten ihm aus den Nasenlöchern. Die Marroval wich ängstlich zurück. Ihre zusammengedrückte Seele, aus der eine Unseele entwachsen war, schrie grell auf. Rasch inhalierte er ihre Qual. Welch ein Labsal.

»Ich wusste, dass dir das mundet!«, sagte der Drache gönnerhaft.

»Und mich beruhigt!«, knurrte Bael, obwohl ihn der seelische Auswurf der Marroval durchaus entspannte.

»Auch das! Was kann ich für dich tun? Du bist bestimmt nicht in den hohen Norden gereist, um die Furcht meiner Marroval einzuatmen oder mich zu besuchen!«

»Wir hatten eine Abmachung!«

»Ich weiß!«

Die Stimme des Drachen hörte sich in Baels Ohren viel zu selbstsicher an. Er fürchtet mich nicht mehr!

»Ich habe alles abgesucht! Ich kann den Odem nicht finden«, beteuerte der Drache.

Bael spürte, wie die Verzweiflung ihn ergriff. »Ohne die Flamme des Lebens kann ich meine Geschöpfe nicht beleben!«

»Du musst mit DEM EINEN sprechen! Deine Ideen sind doch großartig.«

Bael seufzte. »Ich habe es schon vom Anfang aller Zeiten an versucht. DAS EINE sieht keinen Sinn darin! Die Elben seien unsterblich, warum also andere unsterbliche Wesen schaffen, hat ES gesagt!«

»Aber sie können krank werden, im Kampf fallen oder heimtückisch ermordet werden!«, warf Schwarzschwinge ein.

»Eben. Meine Kreaturen wären gegen jede Form des Sterbens gefeit.«

»Vielleicht hat ES doch gar nicht so unrecht. Sieh mal: Die Zwerge sind sehr hart, die halten viel aus. Sie leben auch recht lange. Die Seelen können sich bestimmt verdichten!«, gab der Drache zu bedenken.

»Zwerge? Dieses primitive Volk? Das ist nicht dein Ernst!«, sagte Bael voller Wut.

»Beruhige dich!«, ließ die alte Echse ihre sonore Stimme erklingen.

Die wenigen Silben hatten Ähnlichkeiten mit den lichten Melodien seiner Schwester Lukia. Bael wusste, dass sich Schwarzschwinge das abgeschaut hatte und sehr stolz darauf war, während der Feuergott es hasste. »Lass das!«, herrschte er ihn an.

Der Drache entgegnete: »Ich meine ja nur, dass mir die Schöpfung DES EINEN gar nicht so unvollkommen erscheint!«

»Pah! Letztens hast du das noch anders gesehen!«

»Da hast du mir ein Meer voller Gold versprochen. Aber du scheinst es selbst für deine Experimente zu brauchen!«

»Ja, ich übe mich im Zauberschmiedehandwerk. Aber du lenkst ab. Das hat ja wohl kaum etwas mit meinen Kreaturen zu tun.«

»Stimmt, aber es ärgert mich, wenn du deine Versprechungen nicht einhältst und mir dennoch Vorhaltungen machst, dass ich dir den Odem nicht liefere.«

»Ja, da hast ja recht. Es tut mir leid«, musste Bael widerwillig einräumen. »Aber dass du jetzt die Schöpfung DES EINEN verteidigst, verstehe ich nicht.«

»Sie ist durchdacht. Pass auf: Die Elben leben lange. Sie können viele Erfahrungen machen, um ihre Seele zu verdichten. Die Zwerge halten das meiste aus und die Menschen sind so zahlreich, dass sie in ihrem kurzen Dasein kleine Verdichtungspunkte haben. Was ist daran verkehrt?«, fragte der Drache.

Bael hielt es nicht mehr auf seinem Sitz, rasch erhob er sich und schritt vor dem Riesentier auf und ab. »Ich schaffe Wesen, die nicht krank werden, nicht altern, nicht umgebracht werden können, und so ewig leben. Besser als Menschen, Elben, Zwerge oder Gnome zusammen. So wird die Seele sich bestmöglich verdichten, denn sie sollen dauernd leiden, ohne zu zerbrechen.« Er schaute triumphierend auf seinen Waffenbruder im Kampf gegen die Ignoranz DES EINEN.

Der Drache ließ kleine Wolken aus seinen Nüstern steigen und sagte: »Zugegeben, das hört sich nicht schlecht an!«

»Nicht schlecht!«, brauste Bael auf. »Dann müssen sie sich nicht vermehren. Und diese närrische Liebe, die die Wesen schwachmacht. Was hat sich DAS EINE dabei gedacht?«

Der Drache zischte und schlug mit dem Schwanz. »Wer weiß das schon?«

»Ach. Denk doch mal nach. Es gäbe keine Kriege und Morde aus Eifersucht, keinen Verrat aus Liebe, aus Begehren, aus Leidenschaft. Das alles sollte es nicht geben. Loyalität und Weisheit, das Genießen der Schönheit, was besser funktionierte, wenn man auch Frost und Regen kennen würde.«

»Na ja, das Wetter hast du schon verbessert!«, gab Schwarzschwinge zu.

»Mit Hilfe der Wettergeister Mirwen und Linionas«, räumte Bael ein.

»Die Albozen des Wettergottes Nounaers?«

»Der Gemahl meiner Schwester! Ich habe sie zu Winterwettern verdorben«, erklärte er mit unverhohlenem Stolz.

»Wie hast du sie ihm denn abspenstig gemacht?«

Wollte der Drache ihn ablenken? Doch die Geschichte war einfach zu schön, um sie nicht zu erzählen. »Ich habe ihnen von der Schönheit einer Schneeflocke vorgeschwärmt. Diesem funkelnden Kristall verfielen sie bald und halfen mir, das paradiesische, immerwährende Frühlingswetter in heiße Sommer und kalte Winter zu wandeln. Die Wesen sollten nicht so verwöhnt und verweichlicht werden. Als sie bei den ersten Katastrophen erkannten, was sie getan hatten, flohen sie in den Osten.«

»Verräter!«, murrte der Drache. »Und du hast sie nicht bestraft?«

»Keine Gelegenheit. Viator hat ihnen großmütig verziehen und sie mit Spionageaufgaben betraut. Stell dir vor, mich sollten sie bewachen. Den Feuergott! Und die Kleingeister glaubten, ich wüsste davon nichts.«

»Unglaublich!«

»Sie haben sich im Ewigen Eis eine Hütte gebaut. Dort sollen sie vegetieren!«

»Deine Werke wie Regen, Eis, Schnee und Frost sind DEM EINEN ebenbürtig!«, schmeichelte die alte Echse.

»Nicht wahr? Aber ich ersinne noch sensationellere Katastrophen wie Dürren, Lawinen und Gefahren.«

»DAS EINE wird es nicht gut finden, wenn du IHM ständig ins Handwerk pfuschst!« Bael trat hart mit dem Fuß auf, sodass der Boden bebte. »Nicht schon wieder ein Erdbeben! Ich bekomme davon immer Sodbrennen!«, schimpfte der Drache.

»Höre auf mit dem Gejammer.«

Der Drache sprach freundlicher: »Die Kreaturen, die du bisher geschaffen hast, die Marrovals und die Orks weisen diese Eigenschaften doch auf. Du kannst stolz auf dein Werk sein.«

»Mag sein.« Bael machte eine wegwerfende Geste. »Aber da ich die Seelengeschöpfe DES EINEN nur verändert und verdorben habe, tragen sie nichts zur Verdichtung des Seelenstoffes bei. Ich brauche den Odem, um Kreaturen zu schaffen, die Seele besitzen, die verdichtet werden kann und wir so schneller zum Punkt kommen. Ich muss DAS EINE überzeugen, dass es unser aller Vorteil wäre. Dann würde DAS EINE seine verdichteten Seelen und seine Gedankengötter zusammenfügen und sie würden vollkommen und eins sein. Würdest du dir das nicht wünschen?«

Der Drache sah ihn an und bleckte süffisant seine Reißzähne. »Mit dir und Lukia vereint? Soll das das vollkommene Glück sein?«

Bael antwortete nicht darauf, sondern beobachtete seinen ehemaligen Diener. Er war gelassen und schien mit sich im Reinen, außerdem spürte er eine große Macht um die Echse. Die Aura wirkte gewachsen. Ob der Drache seine alte Macht zurückerhalten hatte? Welches Spiel spielte er? Hatte er ihn an DAS EINE verraten? Und war dieser Machtgewinn seine Belohnung?

»Wie willst du das bewerkstelligen?«, fragte Schwarzschwinge in Baels Gedanken hinein.

»DAS EINE zu überzeugen?« Bael seufzte und schloss die Augen. »Vielleicht ist das gar nicht nötig, alter Freund. Du könntest doch den Odem besorgen?« Er riss die Augen auf, um zu sehen, wie der Drache reagierte.

»Ich? Wie soll ich das anstellen?« Schwarzschwinge schien wahrlich überrascht. Oder heuchelte er?

»Du hast die Macht dazu, du bist Fürst Schwarz von Schwinge. Der Herr über die Magie und das Feuer.«

»Dieser Rang gebührt dir als Feuergott. Das würde ich mir niemals anmaßen!«

Da hatte die alte Echse recht und dennoch war Bael sich sicher, dass der Drache eine Quelle der Magie gefunden hatte, die ihm eine größere Macht schenkte. Die aber ihm als Feuergott zustand. Wenn sie ihm gehörte, müsste er DAS EINE gar nicht überzeugen. Er könnte ES zwingen, ihm den Odem auszuhändigen.

»Also?«, fragte Bael fordernd.

»Ich besitze keine besondere Macht, sonst würde ich dir das sagen!«

Der Feuergott nickte, glaubte aber kein Wort. »Was machen wir jetzt? Mich verlangt es nach dem Odem!«

»Wo soll DAS EINE ihn versteckt haben? Das Nihelem ist durchforstet, alle Dimensionen haben wir abgesucht. Es bleibt nur der Palast und dort kommen wir nicht hin!«

»Und da verwahrt ES den Odem. Du könntest recht haben. Wieso finden wir den Weg nicht?«

»Weil der Weltenwanderer die Fäden verstrickt und anders verknotet hat. Die Pfade sind wie ein Labyrinth, Tore sind verschlossen oder im geheimen Nebel unsichtbar gemacht.«

»Du könntest ihn dazu bringen, dich zum Palast zu führen!«

Der Drache schnaubte. »Das habe ich längst versucht. Aber er scheint den Weg selbst vergessen zu haben. Er kann sich noch nicht einmal erinnern, ihn angelegt zu haben.«

»Das gibt er doch nur vor!«, schrie Bael wütend.

»Das glaube ich nicht!«, gab sich Schwarzschwinge überzeugt.

»Was schlägst du also vor?«

»Was ist, wenn du Lukia entführst und sie ihrem Gemahl nur zurückgibst, wenn er den Weg herausfindet!«, schlug der Drache vor.

»Hm, die Götterkönigin. Sie ist meine Schwester, alle wüssten sofort, dass ich dahinterstecke. Aber wenn ein Drache sie entführt …«

»Wüssten sie, dass ich – dein Waffenbruder – es gewesen bin. Was soll dadurch gewonnen sein?«

»Du meinst, die Götter wissen von unserer Freundschaft?«

Der Drache schickte kleine Rauchwölkchen durch seine Nüstern und knurrte ein düsteres »Ja, sicher!«.

»Aber es gibt inzwischen viele Drachen. Du müsstest nur Spuren hinterlassen, die auf die Raubdrachen hindeuten.«

Schwarzschwinge schlug missmutig mit seinem langen, gezackten Schwanz. »Raubdrachen aus dem Süden haben sich auf menschliche Jungfrauen spezialisiert. Warum sollten sie nun eine Götterkönigin rauben?«

Warum machte es der Drache nur so kompliziert? Bael schnauzte ihn ungehalten an: »Was weiß ich? Denk doch mal selbst nach. Es ist mir gleich. Besorg mir den Odem. Das ist alles, was ich will.«

»Phhh.« Eine kleine Stichflamme entkam seinem Maul.

»Also?«, fragte Bael unbeeindruckt nach.

»Wenn du mich so nett bittest«, grummelte die alte Echse.

»Gut, dann werde ich mich nach Dolmork zurückziehen. Melde dich, wenn du Resultate hast!«

»Mach ich.« Dann rief er: »Siebzehn!« Als die Marroval erschien, befahl er: »Bring unseren Gast aus den Hallen des Fürsten Schwarz von Schwinge.«

»Ja, natürlich mein Gebieter«, sagte sie und verbeugte sich bodentief. Ohne sich aufzurichten, wandte sie sich an Bael: »Eure Göttlichkeit, wenn Ihr mir folgen wollt!«

 

Bael lief in seiner Elbengestalt hinter der Marroval her. Sie hatte einen verdammt hübschen Hintern und er einen Gedanken. Rasch schloss er auf, sodass sie seinen Atem im Nacken spüren musste. Er vernahm, wie ihr Blut schneller in den Adern rauschte. Trotz der Furcht war ihre Gier erwacht.

Mit seiner verführerischen Stimme lockte er: »Siebzehn. Willst du mir nicht deine Kammer zeigen?«

Augenblicklich blieb sie stehen. Ihr Herz schlug so heftig, dass er es hören konnte. Sie keuchte, als er sie von hinten umfing und ihr ins Ohr blies. Diese Elbengestalt war gut gewählt, denn in ihrer Erregung und dem Verlangen nach Blut und Seele vergaß sie völlig, dass er der Feuergott war, der sie zu dem gemacht hatte, was sie war: ein seelensaufendes Ungeheuer.

Sie nickte und hauchte: »Hier entlang!«

Als sie in die Kammer stolperte, ging alles sehr schnell. Gegen ein kurzes Vergnügen hatte Bael nichts, allerdings würde er sie nicht töten, da Schwarzschwinge keinen Verdacht schöpfen durfte. In dem Moment, als sie sich zur Ekstase ritt und ihn dabei beißen wollte, verwandelte er sich in Silbernebel. Statt Blut zu saufen, atmete sie den Dunst ein und ließ augenblicklich betäubt von ihm ab. Wenn er den Zauber nicht verstärkte, würde sie nur einige Stunden außer Gefecht sein. Das sollte erst einmal reichen. Er betrachtete sie genau, prägte sich jede Feinheit ihres Gesichtes ein. Dann kleidete er sich in das Fleisch der Marroval Siebzehn.

 

Nachdem er die Kammer sorgsam verschlossen hatte, eilte er durch die Gänge zurück in den Prunksaal.

»Siebzehn, das hat lange gedauert!«, wütete Schwarzschwinge ungehalten.

»Verzeiht mein Gebieter. Die Göttlichkeit verlangte nach Vergnügen!«

Der Drache grunzte. »Du bist mein. Bael hat dich mir geschenkt.«

Spiel dich mal nicht so auf. Ich habe sie geschaffen. Aber Bael blieb ganz ruhig stehen, neigte demütig das Marrovalhaupt, während der Drache sich schwerfällig von seinem Lager erhob.

»Komm!«, befahl Schwarzschwinge.

Wo wollte die Echse hin? Für eine Dienerin war es unschicklich, nachzufragen. Und diese Marroval wäre zu eingeschüchtert, als dass sie das wagte. Bael musste aufpassen. Mit Mühe beherrschte er sich. Diese Rolle war für einen Gott äußerst unpassend, doch er wollte unbedingt das Geheimnis von Schwarzschwinges Macht ergründen, also lief er dem Drachen hinterher. Diese Hühnerfüße mit den Dornen an den Fersen ließen sich gut gebrauchen, obwohl sie ziemlich unästhetisch waren. Seine Wesen sollten jedoch nicht schön, sondern hart sein. Das war Siebzehn jedoch nicht. Bei ihr schwang allzu viel Seele mit. Das gleiche Problem wie bei der ersten Marroval, die er seinem Albozen Morren weggenommen hatte. Sie war in dem Feuer seiner Leidenschaft nahezu verbrannt. Bei dem Gedanken an diese einst anmutige, zerbrechliche Lichtelbin musste Bael ein böses Lächeln unterdrücken, während sie durch Hallen, Gänge und Höhlen gingen. Als er sie zu einer Vampirfrau verändert hatte, war er sein Interesse an ihr erloschen. Unterdessen hatte sich der Verräter Morren um seine einstige Geliebte, die nur noch zischte und nach Seelen und Blut trachtete, gekümmert. Morren war schuld, dass Bael die Gelegenheit verpasst hatte, seiner Schwester Lukia beim Beleben der Lichtelben den Odem abspenstig zu machen. Sie hatte welchen von DEM EINEN bekommen und er nicht.

Nach kurzer Zeit gebar diese erste Marroval seinen Sohn, den sie Amruil genannt hatte. Blutrotes Haar hatte er gehabt und stur war der Kleine gewesen. Aber dieser junge Feuerelb konnte instinktiv Zauber weben und liebte Edelsteine, wie sein Vater es tat.

Der Drache blieb plötzlich stehen und Bael wäre als Marroval fast in das massige Tier gelaufen. »Pass doch auf!«, zischte Schwarzschwinge. Sie waren weit in den Vulkanberg vorgedrungen. Nun standen sie vor einer Basaltwand, die lediglich durch Schattenschimmer verstärkt war. Der Drache atmete tief ein und seine drei Mägen leuchteten.

Er will Feuer speien, ahnte Bael.

Und tatsächlich ließ Schwarzschwinge heiße Flammen über die Wand tanzen, dabei sprach er düstere Worte.

Der Feuergott hatte geglaubt, jede Art von Magie und alle Sprüche und Rituale zu kennen, doch dieser Zauber war ihm unbekannt. Woher wusste die alte Echse das? Es musste Wissen aus einer Zeit vor den Göttern sein, einer Zeit, als dieser Urdrache noch mit dem Wal Ape in der Ursuppe geschwommen war.

Die Flammen umzüngelten die Lettern und Runen der Worte und brannten sie in den Felsen. Sie bildeten ein Halbrund und offenbarten ein Portal, das sich öffnete. Schwarzschwinge wandte sich zu der vermeintlichen Marroval und befahl: »Du bleibst hier und wartest auf mich!«

Bael verbeugte sich und sagte demütig mit zitternder Stimme: »Wie mein Gebieter befiehlt!« Bei sich dachte er: verdammt. Wie kann ich ihm folgen?

Er zog sich etwas zurück, während der Drache die Öffnung passierte. In dem Moment, als das Portal zu Stein wurde, wandelte er sich in eine Windgestalt und sauste durch den schmalen Spalt, bevor sich der Durchschlupf endgültig schloss. Das hatte er den Winterwettern Mirwen und Linionas abgeschaut.

Schwarzschwinge schien nicht zu bemerken, dass Bael ihm folgte. Der Drache zwängte sich durch die Höhlengänge, an deren Wänden Magma perlte, das die Umgebung in ein feurig rotes Licht tauchte. Noch weitere drei Portale, die magisch gesichert und offenbar nur mit Drachenfeuer zu öffnen waren, durchschritten sie, bis sie endlich an einen Basaltvorsprung kamen. Er ragte über einen Magmasee, der heftig brodelte. Bael war sich sicher, dass der Drache ihn, ohne es zu bemerken, genau da hingeführt hatte, wohin er wollte. Zum Ursprung der Macht!

Schwarzschwinge stellte sich auf seine Hinterläufe und stützte seinen massigen Körper zusätzlich mit dem Schwanz ab. Dann warf er seinen Echsenkopf in den Nacken und fauchte, dabei blies er drei Rauchwolken an die Decke.

Fasziniert beobachtete Bael, wie die Rauchwolken sich um etwas legten und es aus dem Nichts schälten. Es hatte bestimmt einen Durchmesser von einem Menschenschritt. Düster und dennoch glitzernd war es. Als es vor Schwarzschwinges Nase schwebte, erkannte Bael die Struktur eines riesigen Edelsteins. Er erinnerte ihn an einen schwarz gefärbten Gletscher.

Der Drache nahm ihn achtsam in seine Klauen und blies kleine Flammen über die gläserne Oberfläche. Vorsichtig löste er eine Pfote und stieß eine Kralle ins heiße Material. Mit einem Kreischen, als wäre dieser Gletschersplitter lebendig und vom Schmerz erfüllt, teilte er sich in zwei Hälften. Bael stockte der Atem, als Schwarzschwinge sie sorgsam auf einen aus dem Basalt geschlagenen Tisch legte. In dem geöffneten Splitter ruhte ein Buch mit einer überirdischen Aura. Bael glaubte, DAS EINE selbst hätte es geschrieben. Es war gesichert mit sieben Riegeln.

Der Drache strich zärtlich über die Siegel und die oberen drei sprangen auf. Schwarzschwinge seufzte und flüsterte: »Mein Liebes, willst du mir nicht auch deine anderen Geheimnisse schenken? Offenbare dich. Dein Wissen ist bei mir gut aufgehoben!«

Doch die Riegel blieben verschlossen.

»Schade. Liebes. Ich will dich nicht drängen. Vielleicht nächstes Mal. Es ist nicht schlimm. Ich habe noch nicht alle Seiten der drei Siegelabschnitte gelesen«, säuselte er auf eine unerträgliche Art.

Was sollte das Liebesgeflüster zu einem Folianten? Voller Neid beobachtete Bael, wie der Drache mit spitzen Krallen das Buch im dritten Abschnitt aufschlug und zu lesen begann. Leise und ohne einen verräterischen Luftzug zu erzeugen, flatterte er in seiner Windgestalt so nah heran, dass er das Buch fast berühren konnte. Bael erkannte Zahlen, Buchstaben, Symbole. Der Verfasser beherrschte die tiefsten Geheimnisse der Magie.

»Ah!«, machte Schwarzschwinge. »Jetzt verstehe ich es noch besser. Nicht nur die Vorzeichen der Magie muss ich ändern, um sie zu verstärken. Sie muss im Ganzen verquert werden. Was hier aber wohl mit Schattenmagie gemeint ist?« Erneut vertiefte sich der Drache in seine Lektüre.

Bael jubelte. Er war am Ziel seiner Träume. Das Buch brauchte er, und zwar auf Dolmork. Wenn er sich damit längere Zeit beschäftigte, würde er die Zeichen bestimmt richtig deuten und die Zahlen verstehen. Doch was passiert nun? Geschockt beobachtete er, wie die Schriften verblassten und bald völlig verschwanden. Nur der Abschnitt mit der Schattenmagie blieb bestehen.

Schwarzschwinge fluchte: »Nicht schon wieder. Immer, wenn ich etwas begreife, verschwindet es.«

Bael erschrak. Die Echse hatte offensichtlich Textstellen aus dem Buch herausgelesen. Unwiederbringlich verloren.

Der Drache schlug den Deckel zu und grunzte dabei unglücklich. Rasch erlangte er wohl die Beherrschung zurück, denn er strich über den Buchdeckel und säuselte: »Ruh dich aus, mein Liebes.« Dann nahm er aus der Tiefe des Splitters einige beschriftete Pergamentseiten. Hastig blätterte er sie durch, bis er ein leeres Blatt gefunden hatte. Aus einer Nische holte er ein Tintenfass, öffnete es und tunkte seine Kralle hinein. Ohne abzusetzen, schrieb er die Seiten voll.

Als Bael es las, wunderte er sich, dass der Drache sich Schriftsystemen der Elbenvölker bediente. Er beschrieb kurz, wie er die Magie mit anderen Vorzeichen versehen musste und sie auf diese Weise machtvoll und stark würde.

Der Feuergott begriff, dass die Echse die Erkenntnisse, die vor seinen Augen aus dem Buch verschwunden waren, notierte. Sehr weise, der alte Halunke.

Als Schwarzschwinge fertig war, leckte er seine Kralle sauber und trocknete sie in seinem heißen Atem. Danach legte er die Schriften und das Buch sorgsam in die Splitterhälften. »Wenn Bael wüsste, dass das der wahre Schatz ist … Viel wertvoller als alles Gold und Geschmeide auf sämtlichen Welten.« Seine echsigen Lippen verzogen sich zu einem hämischen Grinsen, aus seinen Nasenlöchern stob Rauch.

Bael weiß es. Der Feuergott war voller Schadenfreude. Ohne zu wissen, wie er aus dem Berg herauskommen sollte, fasste er einen waghalsigen Entschluss. Als der Drache die beiden Hälften wieder zu einem Splitter zusammenfügte, flog Bael in seiner Windgestalt zu dem Buch und den Schriften ins Innere. Er hielt den Atem an, als er gefangen im Splitter an die Decke schwebte.

 

***

 

Am nächsten Tag ging Schwarzschwinge wie jeden Abend in den Bauch seines Vulkanpalastes. Siebzehn begleitete ihn wie stets bis zum ersten Portal. Routiniert lief er voller Vorfreude durch die Gänge, öffnete die anderen Portale und stand auf dem Basaltvorsprung. Sein Herz stolperte, dabei verschluckte er sich an seinem eigenen Feuer. Entsetzt wich er zurück, bis sein gezackter Schwanz an die Wand gepresst wurde. Auf den Felsen lagen verstreut schwarze gläserne Scherben. Unverkennbar war hier der Große Splitter, den er in einer Falte der Dimensionen entdeckt hatte, in tausend Stücke zersprungen. Seine Schriften weg, das Buch fort. Wie war das möglich?

Noch saß der Schock zu tief. Er konnte nur verharren und auf die Scherben starren. Sein Herz zog sich zusammen. Plötzlich erinnerte er sich an einen Luftzug, den er gestern immer wieder bemerkt hatte. Und auch Siebzehn war anders als sonst gewesen.

Jetzt war ihm alles klar: Bael, der Teufel! Nur er kannte den Palast besser als Schwarzschwinge selbst und besaß ausreichend Zauberkraft und das Wissen, um den Splitter zu zerstören und das Buch zu stehlen. Wahrscheinlich war er durch den Lavasee getaucht, um mit seiner Beute aus dem Berg zu fliehen. Die Sehnsucht nach dem Buch quetschte Schwarzschwinges Herz. Das war sein Schatz. Er spürte, wie seine Kehle anfing zu glühen. Und dann stieß er ein infernalisches Feuer aus und brüllte seinen verzweifelten Zorn heraus. Das würde Bael büßen. Rache!

 

 

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