Leseprobe: 1. Kapitel aus Feuerzorn

1. Wargin

Apeiron (Sekundäre Dimension), Eisenland

Im Jahr 520 des Götterlosen Zeitalters

Königreich Dion, Sylvana, oder auch das entrückte Gebiet der Waldelben ins Legendenreich, mitten im Silberwald

Die blutrote Wargin taumelte. Ihre Pfoten bluteten. Das struppige Fell klebte an dem dürren Körper. Das Hecheln verschaffte ihr keine Abkühlung. Geschwächt nahm sie die Baumstämme und Büsche, durch die sie stolperte, nur verschwommen wahr. Wenn sie doch einen Augenblick verschnaufen könnte. In der Ferne hörte sie das aufgeregte Belfern der wilden Warge, die sie jagten. Sie und den Welpen. Es gab für sie kein Verharren. Sie war erschöpft, musste aber dennoch weiter. Fort von dem alten Wolfsbau. Die Horde weglocken von dem kleinen Schatz, den sie in der Höhle verborgen hatte. Dafür tat sie alles. Jeder Muskel in dem klobigen Körper biss, die Knochen schrien und sie fürchtete, sie könnten bersten. »Reiß dich zusammen!«, feuerte sie sich an. Es musste ihr gelingen, das Kind zu retten. Ihre Gedanken kreisten um ihr Mädchen, das sie zurückgelassen hatte. Wenige Wochen alt, nackt, in Tücher gewickelt, lag das Kind mutterseelenallein in der Höhle. Die Wargin hoffte, dass sie in der Hetze gut gewählt hatte. Dieser ehemalige Wolfsbau stank so sehr nach altem Wolf, dass der Geruch den des Elbenkindes übertünchte. Inbrünstig, wenn auch nur aus Gewohnheit, betete sie zu Arthemis, dem Gott der Erde und der Jagd, dass die Warge sie nicht zu wittern vermochten. Mit Wehmut erinnerte sie sich an das letzte Lächeln, das die zarten Lippen zustande gebracht hatten. Es war nur für sie bestimmt gewesen, doch in dieser Gestalt besaß sie keinen Mund, um das Mädchen zu küssen oder es mit einem Schlaflied zu besänftigen. Und selbst für diesen letzten Augenblick wagte sie es nicht, sich zu verwandeln. Es brauchte einfach zu viel Zeit und Kraft. So blieben nur die Zauber, die sie gewoben hatte, um Amruila zu beruhigen und in den Schlaf zu wiegen.

Sie zwang ihre müden Läufe, sich zu heben und zu senken. Es verlangte ihr viel Konzentration ab. Nur mit Mühe fing sie sich, als sie über die Wurzeln strauchelte. Die Warge kamen näher. Sie hoffte, der Zauber würde stark und verlockend genug sein, dass die Waldelben das Kind fänden, bevor es verdurstete oder erfror. »Amruila«, flüsterte sie mit ihrem Herzen. »Pass gut auf dich und dein Feuer auf!« Sie spürte auf der Haut, wie der Abstand sich gefährlich verringerte. Mit letzter Kraft setzte sie sich in einen wackeligen Trab, um die knappe Distanz zu den nahenden magischen Raubtieren wenigstens zu halten. Wenn sie doch kurz rasten könnte, um ins Zaubergewebe zu greifen und Kraft abzuzweigen. Sie fühlte sich leer und ausgezehrt. Der Warg, in dem sie wohnte, forderte seinen Tribut und ebenso die Tausende Meilen, die sie zurückgelegt hatte. An der geheimen Grenze zu Sylvana hatte ihr dieses Rudel Warge aufgelauert, das sich nicht abschütteln ließ. Es war ihr gelungen, einen gehörigen Vorsprung herauszuarbeiten, als sie ihr Ziel Sylva, das Dorf im Gebiet der Waldelben, das man den Legenden zuschrieb, erreicht hatte. Die Winde flüsterten, dass dort ein gesegneter Goldschmied lebte. Ihn hatte sie erwählt. Er sollte es sein, der Amruila großziehen würde und bei dem sie in die Lehre gehen konnte. Wenigstens für eine gute Basis. Den Köder für den Goldschmied hatte sie ausgelegt. Das müsste ihn binden. Doch es hatte ihr viel an Kraft abverlangt, neben dem Kristall auch noch die Zauber in diese dunkle Höhle zu weben. Sie dachte an die grauen Augen, die sie in der Finsternis auf sich gespürt hatte, als sie das Kind in Decken gewickelt in eine Nische legte. Sie umgab den Säugling mit der mütterlichen Aura. Der Kristall sollte ihm darüber hinaus Licht, Wärme und Zuversicht schenken. Es tat weh, das eigene Fleisch und Blut zurückzulassen, doch es gab keine andere Möglichkeit. Die Wargin fühlte sich uralt und wusste, dass sie bald sterben würde. Die Magie ihres Volkes brannte nur noch mit einer dünnen Flamme in ihr. Das Zauberschmieden und die Wargerei verzehrten sie. Doch als sie die Höhle verließ, holte die Horde auf. Erneut hörte sie das Belfern der Verfolger. Ihr Kopf hämmerte, dass es sie schmerzte und sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Schwache Schatten von Magie griffen nach ihr. Sie musste fort und versuchte einen leichten Galopp. Jede Bewegung strengte sie an. Die Warge kläfften im Jagdrausch. Sie wussten, dass sie und der vermeintliche Welpe, den sie zwischen den Zähnen bis hierher geschleppt hatte, etwas anderes als gewöhnliche Warge waren. Sie ließen sich nicht täuschen und rochen das Feurige, das an der blutroten Wargin klebte und das die Raubtiere hassten. Feuer war das Einzige, was die ponygroßen Tiere mit grausamer Blutgier fürchteten. Sie zwang sich, das Tempo zu steigern. Nicht, dass sie dem Tod anheimfiel, ängstigte sie, sondern dass diese Monster den letzten Nachkommen des Halbgottes Amruil fressen könnten und mit ihr die letzte Erbin über das Vermögen zum Zauberschmieden vertilgten. Sie hoffte, dass es Amruila ohne Anleitung und Kenntnisse der Feuerelben lernen würde. Das alte Wissen der Seelen, die in der kleinen Elbin lebten, musste von ihr erkannt und mit Magie erfüllt werden. Die Wargin trachtete danach, dass das Kind überlebte und selbst Kinder bekam, damit die Erben Amruils nicht ausstarben. Von Weitem hörte sie Stimmen. Elbische Stimmen. Womöglich waren es die Wächter, die bemerkt hatten, dass ein Rudel Warge in ihr heiliges Sylvana eingedrungen war. Augenblicklich änderte sie den Kurs und hielt auf die Wargjäger zu. Hoffentlich war unter diesen Elben der Goldschmied. Sie würde ihn an dem Geruch, der ihm anhaftete, erkennen. Im vollen Galopp rannte sie, beflügelt durch die Nähe ihres Ziels. Sie erlaubte sich, zu hoffen. Entweder verfolgten die Warge sie und kämen so vor die schussbereiten Bögen oder sie erkannten die Falle und nahmen einen anderen Weg. Hauptsache möglichst weit weg von der Höhle! »Großer Arthemis, beschütze mein Kind«, betete sie zu dem Gott der Erde, der Eisenland wie alle anderen Götter verlassen hatte.

3 Gedanken zu „Leseprobe: 1. Kapitel aus Feuerzorn“

  1. Ich habe gerade den ersten Teil geradezu verschlungen und kann nur sagen: Grosses Kino!

    Danke für die schönen Bilder im Kopf.

    Und jetzt fiebere ich dem zweiten Teil entgegen. Scheint ein Teil der Feuermagie zu sein, die sich übertragen hat 🙂

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